Donnerstag

Was wurde eigentlich aus Johnathan Langston?

20.11.2008

Hier ist ein interessanter Artikel aus der Vanity Fair vom 18.11.2008

Es dauert relativ lange bis jemand auf mein Klingeln reagiert. „Sie sind die Frau von der Zeitung?“ Ich hatte ihn mir größer vorgestellt. Vielleicht weil er auf den Pressefotos immer so heroisch wirkt. Jonathan Langston, der Mann der die Finanzwelt über ein halbes Jahr an der Nase herum geführt hat.

Zur Erinnerung: Jonathan Langston trägt seit Januar diesen Jahres den vieldiskutierten Neurochip der Inport Inc. Er empfängt Datenpakete, so genannte CellFeeds, direkt in seinem Gehirn. Im Zuge einer großangelegten PR-Aktion der Firma hat der Absolvent der University of New York über sechs Monate lang mit der Hilfe eines speziellen CellFeeds, das ihm in Echtzeit alle aktuellen Kursentwicklungen übermittelt, an der Börse Investitionen getätigt und durch seinen Erfolg auf eindrucksvolle Weise die neue Technologie demonstriert.

Ich hatte ihn mir größer vorgestellt. Der Mann, der mir die Tür öffnet wirkt eingesunken und müde, auf seinem weißen T-Shirt prangt ein brauner Fleck, seine schwarzen Haare fallen ihm bis tief ins Gesicht, er trägt keine Schuhe. Seine Erscheinung steht in merkwürdigem Kontrast zu dem gepflegten, weißen Haus mit dem großen Garten. Ich könnte ihn mir eher in einem gemütlichen Appartement in Brooklin vorstellen. Während wir durch die Eingangshalle gehen, weist er mich auf den enormen Wert des Hauses hin und erzählt, dass der Fußboden aus importierten italienischen Marmor gefertigt ist. Das Haus war ein Geschenk der Inport Inc. nach seinem großen Coup, als die Medien begannen ihn in seiner alten Wohnung zu belagern. Jetzt umgibt sein Haus eine drei Meter hohe Mauer und er beschäftigt zwei Sicherheitsleute. Auf die Frage ob ihm diese Abschottung nicht zu schaffen macht zuckt er nur mit den Schultern. Wir sitzen im Wohnzimmer. Die Vorhänge sind zugezogen, der Raum wird beherrscht von einem riesigen Plasmafernseher, der während des ganzen Interviews lautlos läuft und einen Nachrichtensender zeigt. Ich frage, ob er nicht schon genug Informationen in seinen Kopf bekommt. Er lacht nervös, bleibt mir jedoch eine Antwort schuldig. Während unseres Gesprächs schweift sein Blick immer wieder durch den Raum, er spricht monoton, fast mechanisch, manchmal habe ich das Gefühl, dass er mich überhaupt nicht wahrnimmt. Plötzlich setzt er sich auf und tippt hektisch etwas in den vor ihm stehenden Laptop. Der Anflug eines Grinsens huscht über sein Gesicht, als er mich mit den Worten „Guter Deal“ über den Computer hinweg anblinzelt. Für einen flüchtigen Moment sitzt der gutaussehende Mann aus den Zeitungen vor mir, dann verschwindet das Glitzern aus seinen Augen und er scheint wieder meilenweit entfernt zu sein. Er schenkt sich ein Glas Whiskey ein, das er in einem Zug lehrt.

Nachdem er diese Prozedur wiederholt hat, wird er zunehmend gesprächiger. Er arbeitet disziplinierter als früher, erzählt er, aber die Geschäfte laufen nicht so gut momentan. Verbitterung klingt aus seiner Stimme, als er von der Ablehnung erzählt, die ihm von seinen ehemaligen Geschäftspartnern entgegen geschlagen ist, nach der Enthüllung der CellFeed-Geschichte. Auch viele private Kontakte hat er verloren in dieser Zeit, unter anderem seine Freundin, die mit der ganzen Geschichte nicht klargekommen ist. Die Inport Inc. hat sich nach dem Juli nicht mehr gemeldet, man verfolge da jetzt andere Interessen, wie er sagt. Unser Gespräch wird mit zunehmenden Alkoholgenuss immer konfuser, er beginnt zu rauchen, spricht von finanziellen Problemen, dann prahlt er mit seinem neuerworbenen Jaguar. Immer wieder unterbricht er. Sein Blick wird starr, er hämmert auf die Tasten seines Laptops. Als er meinen befremdeten Blick bemerkt, sagt er fast entschuldigend: “Ich muss es doch wissen, muss doch reagieren.“ Der Ausdruck in seinen Augen erinnert mich an den eines gehetztes Tieres - plötzlich hat er es eilig unser Treffen zu beenden.
Als ich in die warme Mittagssonne trete, bemerke ich, dass ich zittere und bin froh den Heimweg antreten zu können.

1 Kommentar:

MacGeiger hat gesagt…

In welcher Ausgabe war das?